Legacy-Systeme abschalten: 5-Stufen-Plan ohne Datenverlust

Geschrieben von Amadeus Lederle | Mar 19, 2026 12:08:37 PM

Das System läuft seit 14 Jahren. Der Hersteller hat den Support eingestellt. Das letzte Update kam 2019. Die Daten darin sind unverzichtbar – 15 Jahre Prozesshistorie, Prüfergebnisse, Chargenprotokolle. Und trotzdem: Keiner traut sich, es abzuschalten.

Legacy-Systeme in der Produktion sind eine der am meisten unterschätzten Risikoquellen im deutschen Mittelstand. Nicht weil die Systeme schlecht sind – viele laufen stabil und zuverlässig. Sondern weil das Abschalten als unmöglich gilt: zu riskant, zu teuer, zu unbekannt. Also bleibt das Altsystem laufen, neben dem neuen, neben dem Nachfolger des Nachfolgers, bis die IT-Architektur einem Flickenteppich gleicht, den niemand mehr vollständig versteht.

Dieser Leitfaden zeigt, wie das Legacy-System in der Fertigung sicher abgeschaltet wird – mit einem strukturierten 5-Stufen-Plan, der Datenverlust ausschließt, Compliance wahrt und den Betrieb nicht unterbricht.

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
  • Ein Legacy-System in der Fertigung gilt als abschaltsicher, wenn vier Bedingungen erfüllt sind: alle Daten sind vollständig inventarisiert, alle compliance-relevanten Daten sind normkonform archiviert, alle Schnittstellen zum Nachfolgesystem sind geprüft und alle Nutzer sind auf das neue System migriert.
  • Das größte Risiko beim Abschalten ist nicht Datenverlust durch technische Fehler – sondern unvollständige Datenmigration durch fehlende Inventarisierung: Daten, die niemand wusste, dass sie existieren.
  • Der häufigste Fehler: das Legacy-System parallel weiterfahren zu lassen, weil 'man nie weiß'. Parallel-Betrieb erhöht die Komplexität, erzeugt Datenkonflikte und verschiebt das Problem nur.
  • IATF 16949 und ISO 9001 fordern keine spezifische Software – aber die Aufbewahrungspflichten der darin gespeicherten Daten gelten weiter, auch nach Systemabschaltung. Wer archiviert, muss die Abrufbarkeit garantieren.
  • Der 5-Stufen-Plan in diesem Artikel hat sich in der Praxis bei Fertigungsunternehmen mit 10 bis 1.500 Mitarbeitern bewährt. Durchschnittliche Migrations-Laufzeit: 3–9 Monate je nach Systemkomplexität.
KURZ ZUSAMMENGEFASST
  • Legacy-Systeme werden nicht abgeschaltet, weil man die Daten fürchtet – nicht die Software. Das ist lösbar, wenn man strukturiert vorgeht.
  • Der 5-Stufen-Plan: Inventarisierung → Risikoklassifizierung → Datenmigration & Archivierung → Parallelbetrieb mit Abnahme → kontrolliertes Abschalten.
  • Compliance-relevante Daten (IATF 16949: 15 Jahre, ISO 9001: je Kundenanforderung) müssen auch nach Systemabschaltung abrufbar bleiben – in auditfähigem Format.
  • Die teuerste Phase ist nicht die Migration – es ist der ungeplante Weiterbetrieb: Lizenzen, Wartungsverträge, IT-Know-how-Erhalt für ein System, das niemand mehr weiterentwickelt.

INHALT DIESES ARTIKELS

  1. Was ist ein Legacy-System in der Fertigung? Definition und Risikoklassen
  2. Warum Legacy-Systeme nicht abgeschaltet werden – und warum das ein Problem ist
  3. Der 5-Stufen-Plan: Legacy-System sicher abschalten ohne Datenverlust
  4. Datenmigration in der Produktion: Was wohin muss
  5. Compliance und Archivierung: Was auch nach Abschaltung gilt
  6. Typische Fehler beim Legacy-Abschalten – und wie man sie vermeidet
  7. Kosten und Nutzen: Was Legacy-Systeme wirklich kosten
  8. Häufig gestellte Fragen

Was ist ein Legacy-System in der Fertigung? Definition und Risikoklassen

Der Begriff 'Legacy-System' beschreibt keine bestimmte Software oder ein bestimmtes Alter – er beschreibt einen Zustand. Ein System ist dann ein Legacy-System, wenn es nicht mehr aktiv weiterentwickelt wird, wenn der Hersteller keinen Support mehr leistet oder wenn die Weiterentwicklung des Systems nicht mehr mit den Anforderungen des Unternehmens mithalten kann.

In der Fertigung trifft das häufig auf drei Systemkategorien zu: ältere MES-Systeme (Manufacturing Execution Systems), proprietäre Maschinensteuerungs- und Datenerfassungssysteme sowie Legacy-QMS-Installationen (Qualitätsmanagementsysteme), die auf nicht mehr unterstützten Datenbankplattformen laufen.

 

Risikoklassifizierung von Legacy-Systemen in der Produktion

Risikostufe

Legacy-Signal

Konsequenz

Empfehlung

Kritisch

Kein Herstellersupport mehr, Betriebssystem End-of-Life, keine Sicherheits-Patches seit über 12 Monaten

Aktives Sicherheitsrisiko: jede Netzwerkverbindung ist ein potenzieller Angriffsvektor

Abschaltplan sofort einleiten. Übergangszeit maximal 6 Monate.

Hoch

Support ausgelaufen, aber noch Basis-Updates. Keine Integration in moderne Systeme möglich.

Isolierter Betrieb, steigende Betriebskosten, zunehmende Schnittstellenprobleme

Abschaltplan innerhalb von 12 Monaten einleiten

Mittel

Hersteller noch aktiv, aber System am Ende seines Lifecycle. Ersatzsystem bereits definiert.

Wachsende Betriebskomplexität, Wissenskonzentration auf wenige Personen

Migration planen und einleiten

Niedrig

System funktional, Hersteller aktiv, aber strategisch nicht mehr zukunftsfähig

Kein unmittelbares Risiko, aber langfristig auf Abschaltpfad

In Investitionsplanung aufnehmen, Nachfolger evaluieren

Wichtig: Die Risikoklasse bestimmt die Dringlichkeit – nicht das Alter des Systems. Ein 20 Jahre altes System mit aktivem Hersteller-Support ist weniger riskant als ein 5 Jahre altes System, das auf Windows Server 2012 läuft.

 

 

Warum Legacy-Systeme nicht abgeschaltet werden – und warum das ein Problem ist

In der Praxis gibt es immer denselben Grund, warum Legacy-Systeme in der Produktion nicht abgeschaltet werden: Niemand weiß genau, was drin ist. Und solange man das nicht weiß, schaltet man nichts ab. Das ist verständlich – aber es ist eine Entscheidung mit wachsenden Konsequenzen.

 

Die 5 häufigsten Gründe für Nicht-Abschaltung – und die Realität dahinter

Grund

Was dahintersteckt

Realität

'Wir brauchen die historischen Daten.'

Echte Anforderung – aber die Daten können archiviert werden. Das System muss dafür nicht laufen.

Daten archivieren ≠ System laufen lassen. Archivierte Daten sind oft zugänglicher als Daten in einem Altsystem.

'Das läuft stabil, wir fassen es nicht an.'

Betriebsstabilität ist kein Vorteil, wenn Sicherheitslücken nicht gepatcht werden.

Ein stabiles System ohne Security-Updates ist kein stabiles System – es ist ein stilles Risiko.

'Wir haben keine Zeit für eine Migration.'

Migration ist aufwendig – aber unkontrollierter Weiterbetrieb ist langfristig teurer.

Jedes Jahr Weiterbetrieb eines End-of-Life-Systems kostet im Schnitt 2–3× mehr als eine geplante Migration.

'Einige Prozesse hängen noch daran.'

Legitimes Problem – aber lösbar. Meist handelt es sich um 1–3 Schnittstellen.

Diese Schnittstellen werden nicht gefunden, wenn man das System nicht aktiv inventarisiert.

'Wir wissen nicht, wie wir die Daten rauskriegen.'

Häufigstes technisches Hindernis – aber lösbar mit Datenbankzugriff oder ETL-Tools.

Datenextraktion ist ein gelöstes Problem. Fast jede Datenbank lässt sich auslesen – auch ohne API.

Das eigentliche Problem: Legacy-Systeme werden nicht abgeschaltet, weil der Abschaltzeitpunkt nie der richtige ist. Es gibt immer ein laufendes Projekt, eine bevorstehende Prüfung, einen Personalwechsel. Das Ergebnis: Das System läuft weitere fünf Jahre – und das Problem wächst.

 

Was Legacy-Systeme wirklich kosten: Die versteckten Betriebskosten

Kostenkategorie

Jährliche Kostentreiber

Typischer Betrag p.a.

Lizenz & Wartung

Wartungsverträge für End-of-Life-Software, oft überteuert weil keine Alternative

5.000–40.000 €

IT-Infrastruktur

Server, Betriebssystem, Virtualisierung für ein System, das sonst ersetzt würde

3.000–20.000 €

Integrationsaufwand

Manuelle Datenpflege, Doppeleingaben, Schnittstellenwartung zum Nachfolgesystem

10.000–60.000 €

Wissenskonzentration

Nur 1–2 Personen kennen das System. Ausfall = Produktionskrise. Intern kaum quantifizierbar.

Risiko: 50.000–200.000 € im Schadensfall

Security-Risiko

Nicht gepatchte Sicherheitslücken: Ransomware-Risiko in vernetzten Produktionsumgebungen

Potenziell: gesamter Produktionsausfall

 

Die teuerste Entscheidung in der IT-Architektur eines Fertigungsunternehmens ist nicht das neue System. Es ist das alte, das man nicht abschalten konnte – und das deshalb noch drei Jahre neben dem neuen läuft, von niemandem wirklich betreut, aber von allen gefürchtet.

— Amadeus Chief Technology Evangelist, CSP Intelligence GmbH

 


 

Der 5-Stufen-Plan: Legacy-System in der Fertigung sicher abschalten

Dieser Plan wurde aus realen Migrationsprojekten in der Fertigungsindustrie entwickelt. Er ist sequenziell: Jede Stufe muss abgeschlossen und abgenommen sein, bevor die nächste beginnt. Überspringen führt zu den Problemen, die den meisten Legacy-Abschaltern begegnen.

Stufe 1:  Vollständige Inventarisierung aller Systemdaten und Abhängigkeiten

Zeitrahmen: 2–6 Wochen

Ziel: Vollständiges Bild aller Daten, Nutzer, Schnittstellen und abhängigen Prozesse

  • Alle Datentabellen und Datenstrukturen dokumentieren (Datenbankschema exportieren)
  • Nutzer und Berechtigungen vollständig erfassen – aktive und inaktive
  • Alle Schnittstellen identifizieren: Was sendet Daten an dieses System? Was empfängt Daten von ihm?
  • Datenvolumen quantifizieren: Wie viele Datensätze, welcher Zeitraum, welche Größe?
  • Compliance-relevante Datenkategorien kennzeichnen (Prüfergebnisse, Chargendaten, Prozessparameter)
  • Letzte Nutzungszeiten je Datenkategorie ermitteln: Wann wurde zuletzt aktiv auf diese Daten zugegriffen?

Diese Stufe wird am häufigsten unterschätzt. Eine unvollständige Inventarisierung ist die Ursache von 80% aller Datenverluste bei Legacy-Abschaltungen.

 

Stufe 2: Risikoklassifizierung und Migrationsplanung je Datenkategorie

Zeitrahmen: 1–2 Wochen

Ziel: Klare Entscheidung für jede Datenkategorie: migrieren, archivieren oder löschen

  • Jede Datenkategorie einer von drei Klassen zuordnen: Migration ins Nachfolgesystem, Langzeitarchivierung (auditfähig), oder datenschutzkonforme Löschung
  • Aufbewahrungspflichten je Datenkategorie prüfen: IATF 16949 (mind. 15 Jahre), ISO 9001 (je Kundenanforderung), DSGVO-Löschpflichten
  • Migrationspriorität festlegen: Was wird zuerst migriert? Operativ aktive Daten vor historischen Archivdaten
  • Testmigration für eine repräsentative Datenstichprobe planen
  • Rollback-Szenario definieren: Was passiert, wenn die Migration fehlschlägt?

Archivierte Daten müssen in einem Format vorliegen, das in 15 Jahren noch lesbar ist. Proprietäre Exportformate sind kein auditfähiges Archivformat.


 

Stufe 3: Datenmigration, Archivierung und Schnittstellenablösung

Zeitrahmen: 4–16 Wochen

Ziel: Alle Daten sind im Nachfolgesystem verfügbar oder normkonform archiviert

  • Testmigration mit Stichprobendatensatz durchführen und Ergebnis prüfen (Vollständigkeit, Integrität, Format)
  • Produktivmigration schrittweise – zuerst historische Archivdaten, dann operative Stammdaten
  • Jede migrierte Datenkategorie durch fachseitige Abnahme freigeben lassen (nicht nur IT-seitig)
  • Schnittstellen zum Nachfolgesystem aktivieren und testen: Empfängt das Nachfolgesystem korrekte Daten?
  • Archivierungssystem aufbauen: Compliance-relevante Daten in langzeitstabilem Format (z.B. PDF/A, CSV mit Schema-Dokumentation)
  • Migrationsprotokoll führen: Wer hat was migriert, wann, mit welchem Ergebnis?

Kein Produktivbetrieb der Migration ohne Testmigration. Ein Fehler in der Produktivmigration ist schwieriger zu korrigieren als eine sorgfältige Testvorbereitung.

 

Stufe 4: Kontrollierter Parallelbetrieb mit definierter Abnahmezeit

Zeitrahmen: 4–8 Wochen

Ziel: Bestätigung, dass das Nachfolgesystem alle Aufgaben des Legacy-Systems vollständig übernimmt

  • Parallelbetrieb mit klar definiertem Enddatum starten – kein offenes Ende
  • Tägliche Vergleichsläufe: Erzeugt das Nachfolgesystem dieselben Qualitätsentscheidungen und Prozessauswertungen wie das Legacy-System?
  • Eskalationspfad definieren: Wer entscheidet bei Diskrepanzen zwischen den Systemen?
  • Nutzer aktiv auf das Nachfolgesystem lenken: Das Legacy-System ist lesend verfügbar, nicht schreibend
  • Checkliste für die Abnahme täglich führen: Welche Prozesse sind vollständig auf das Nachfolgesystem übergegangen?
  • Go/No-Go-Entscheidung am Ende der Parallelphase: Klares Kriterium, nicht subjektives Bauchgefühl

Parallelbetrieb ohne Enddatum ist kein Parallelbetrieb – es ist das Legacy-System mit einem neuen Nachbarn. Das Enddatum muss vor Beginn der Parallelphase festgelegt sein.

 

 

Stufe 5: Kontrolliertes Abschalten, Dokumentation und Abschlussnachweis

Zeitrahmen: 1 Woche + 30 Tage Monitoring

Ziel: Legacy-System ist abgeschaltet, alle Nachweise sind dokumentiert, Betrieb läuft ausschließlich auf dem Nachfolgesystem

  • Finales Datenexport-Backup des Legacy-Systems erstellen und sicher archivieren
  • System nach definiertem Prozess deaktivieren: Netzwerktrennung, Benutzer-Deaktivierung, Datenbankabschaltung
  • Abschlussprotokoll erstellen: Wer hat abgeschaltet, wann, welche Freigaben lagen vor?
  • 30-Tage-Monitoring des Nachfolgesystems: Werden alle bisherigen Prozesse korrekt abgebildet?
  • Hardware- und Lizenz-Dekommissionierung einleiten: Verträge kündigen, Hardware abbauen oder neu zuweisen
  • Lessons-Learned-Dokumentation: Was lief gut, was würde man beim nächsten Migrationsprojekt anders machen?

 

Datenmigration in der Produktion: Was wohin muss

Die größte inhaltliche Herausforderung bei der Legacy-Abschaltung ist die Entscheidung: Welche Daten werden ins Nachfolgesystem migriert – und welche werden archiviert? Diese Entscheidung ist nicht nur technisch, sondern auch operativ und rechtlich relevant.

 

Die drei Kategorien von Fertigungsdaten in der Migration

Datenkategorie

Inhalt

Ziel der Migration

Priorität

Operative Stammdaten

Artikelnummern, Materialdaten, Werkzeugdaten, Stationsparameter, Prüfpläne

Vollständige Migration ins Nachfolgesystem

Sehr hoch – vor Go-Live

Aktive Transaktionsdaten

Offene Fertigungsaufträge, laufende Chargen, aktive Prüfvorgänge

Vollständige Migration – kein Abschalten während laufender Vorgänge

Sehr hoch – zeitkritisch

Historische Prozessdaten

Abgeschlossene Chargenprotokolle, Prozessparameter vergangener Fertigungsaufträge

Migration der letzten 2–3 Jahre ins Nachfolgesystem, Rest archivieren

Hoch

Compliance-relevante Qualitätsdaten

Prüfergebnisse, Freigabeentscheidungen, Reklamationsdaten, Audit-Logs

Auditfähige Langzeitarchivierung für mind. 15 Jahre (IATF 16949)

Sehr hoch – rechtlich zwingend

Benutzer- und Berechtigungsdaten

Benutzerkonten, Zugriffsrechte, Bearbeitungshistorien

Berechtigungskonzept im Nachfolgesystem neu aufbauen, Historien archivieren

Mittel

Konfigurationsdaten

Systemeinstellungen, Alarmgrenzen, Kalibrierungsparameter

Sorgfältig prüfen, ob Übernahme sinnvoll oder Neukonfiguration besser

Mittel – kritisch bei Messtechnik

 

Auditfähige Archivierung: Was das bedeutet und welche Formate geeignet sind

'Archiviert' bedeutet in der Compliance-Logik nicht 'irgendwo gespeichert'. Es bedeutet: abrufbar, lesbar, manipulationssicher und mit Zeitstempel nachweisbar – für einen Auditoren oder ein Gericht, der das System, aus dem die Daten stammen, nicht mehr kennt.

Anforderungen an ein auditfähiges Archivformat

  • Offenes Format: Kein proprietäres Binärformat, das nur mit der originalen Software lesbar ist. Empfohlen: PDF/A (für Berichte), CSV mit Schemadokumentation (für Rohdaten), XML mit XSD-Validierung.

  • Vollständigkeit: Das Archiv muss die Daten UND die Metadaten enthalten: Zeitstempel, Ursprungssystem, Exportzeitpunkt, verantwortliche Person.

  • Integrität: Prüfsummen (SHA-256 oder besser) für alle Archivdateien, damit nachträgliche Manipulation erkennbar ist.

  • Abrufbarkeit: Das Archiv muss so strukturiert sein, dass ein Auditor ohne IT-Kenntnisse gezielt Daten zu einem spezifischen Teil oder einer Charge finden kann.

  • Zeitstabilität: Das Archivformat muss in 15 Jahren noch lesbar sein. Proprietäre Software-Formate und Office-Dokumente älterer Versionen erfüllen diese Anforderung oft nicht.

 

Compliance und Archivierung: Was auch nach der Abschaltung gilt

Das Legacy-System ist abgeschaltet. Die Daten sind archiviert. Damit beginnt, was viele vergessen: Die Aufbewahrungspflichten laufen weiter. Die Pflicht zur Abrufbarkeit läuft weiter. Die Haftung für die Integrität der archivierten Daten läuft weiter.

Norm / Regelwerk

Pflicht nach Systemabschaltung

Aufbewahrungsfrist

Anforderung an das Archiv

IATF 16949:2016

Qualitätsdaten (Prüfergebnisse, Chargenprotokolle, Freigaben) müssen abrufbar bleiben

Mind. 15 Jahre nach letzter Lieferung (je nach OEM-Anforderung länger)

Abrufbar, lesbar, manipulationssicher

ISO 9001:2015

Aufzeichnungen müssen ihrer Zweckbestimmung entsprechend aufbewahrt werden

Je nach vertraglicher Vereinbarung und Produkthaftungsanforderungen

Strukturiert und nachvollziehbar abrufbar

EU-Produkthaftungsrichtlinie 2024

Produktionsdaten als Entlastungsbeweis müssen vorhanden sein

Bis zu 25 Jahre für latente Schäden

Bauteilgenaue Zuordnung muss rekonstruierbar sein

DSGVO

Personenbezogene Daten (Nutzer-IDs, Werker-Protokolle) unterliegen Löschpflichten

Max. Aufbewahrung entsprechend ursprünglichem Verarbeitungszweck

Dokumentierte Löschung mit Nachweis

HGB / GoBS

Kaufmännische Unterlagen und Buchungsdaten (in integrierten Systemen)

10 Jahre

Unveränderbar, jederzeit lesbar, maschinell auswertbar

Kritisch: Viele Unternehmen verlieren im Zuge einer Legacy-Abschaltung und einer ERP-Migration ihre historischen Qualitätsdaten, weil die Datenmigration nur die 'aktiven' Daten umfasst. IATF-Auditoren wissen das – und fragen gezielt nach Dokumenten aus der Zeit vor der Migration.

Wenn wir in eine Produktion kommen, die gerade ein System abgelöst hat, ist die erste Frage immer: Können Sie mir die Bauteilakte für ein Auslieferungslos aus dem Jahr vor der Migration zeigen? Die Antwort auf diese Frage sagt uns alles darüber, wie die Migration vorbereitet war.

— Amadeus Chief Technology Evangelist, CSP Intelligence GmbH

 

Typische Fehler beim Legacy-Abschalten – und wie man sie vermeidet

Diese fünf Fehler begegnen uns in der Praxis am häufigsten. Keiner davon ist unvermeidlich – alle haben eine strukturelle Ursache, die mit dem 5-Stufen-Plan adressiert wird.

 

Fehler 1: Migration ohne vollständige Inventarisierung

Das Migrationsprojekt startet, ohne dass jemand weiß, was wirklich im Legacy-System steckt. 'Wir haben die wichtigsten Daten rübergezogen' – aber was 'wichtig' bedeutet, hat niemand systematisch ermittelt. Ergebnis: Daten fehlen im Nachfolgesystem, und das fällt erst beim ersten Audit oder beim ersten Rückruf auf.

Vermeidung: Stufe 1 des 5-Stufen-Plans ist nicht optional. Die Inventarisierung muss vollständig sein, bevor die erste Migrationsentscheidung getroffen wird.

 

Fehler 2: Archivierung in proprietären Formaten

Die historischen Daten werden als Datenbankdump im Format des Legacy-Systems archiviert – oder als proprietärer Binärexport, den nur die originale Software lesen kann. In 10 Jahren ist weder die Software noch jemand, der sie bedienen kann, noch verfügbar.

Vermeidung: Ausschließlich offene, langzeitstabile Formate für die Archivierung verwenden. Jedes Archivdokument muss ohne Spezialsoftware lesbar sein.

 

Fehler 3: Parallelbetrieb ohne Enddatum

Das Nachfolgesystem ist eingeführt, aber das Legacy-System läuft 'zur Sicherheit' weiter. Es gibt kein Enddatum. Ein Jahr später ist das Legacy-System immer noch aktiv – weil es sich 'noch nicht richtig anfühlt', es abzuschalten. Das Ergebnis: zwei Systeme, zwei Datenstände, zunehmende Konflikte.

Vermeidung: Das Enddatum der Parallelphase wird in Stufe 4 vor Beginn festgelegt und ist verbindlich. Verlängerungen nur mit schriftlicher Freigabe des Projektverantwortlichen.

 

Fehler 4: Keine fachseitige Abnahme der migrierten Daten

Die IT meldet: Migration abgeschlossen, alle Daten übertragen. Aber die Produktionsleitung oder das Qualitätsteam hat die migrierten Daten nie inhaltlich geprüft. Beim ersten Audit zeigt sich: Prüfpläne fehlen, Chargenhistorien sind unvollständig, Referenzdaten stimmen nicht.

Vermeidung: Jede Datenkategorie braucht eine fachseitige Abnahme – nicht nur eine technische Vollständigkeitsprüfung. Die Qualität der migrierten Daten prüft die Fachabteilung, nicht die IT.

 

Fehler 5: Schnittstellen zu nachgelagerten Systemen übersehen

Das CRM, das ERP oder das Reporting-System bezieht Daten aus dem Legacy-System – und niemand hat es auf der Inventarisierungsliste. Nach der Abschaltung liefert das ERP keine Qualitätsdaten mehr, das Reporting zeigt Lücken, und der Vertrieb fragt, warum keine Prüfzertifikate mehr erzeugt werden.

Vermeidung: In Stufe 1 werden alle ausgehenden Schnittstellen inventarisiert – nicht nur die Schnittstellen, die dokumentiert sind, sondern auch die, die nur 'irgendwie funktionieren'.

CHECKLISTE

Vor dem Go-Live: Abnahme-Checkliste Legacy-Abschaltung

Alle Datenkategorien aus der Inventarisierung sind migriert oder archiviert

Fachseitige Abnahme für jede Datenkategorie liegt schriftlich vor

Alle Schnittstellen sind auf das Nachfolgesystem umgestellt und getestet

Compliance-relevante Daten sind in auditfähigem Format archiviert

Aufbewahrungsfristen je Datenkategorie sind dokumentiert

DSGVO-Löschpflichten für personenbezogene Daten sind erfüllt

Kein aktiver Nutzer greift noch schreibend auf das Legacy-System zu

Finales Backup des Legacy-Systems ist erstellt und geprüft

Enddatum der Parallelphase wurde eingehalten oder schriftlich freigegeben

Rollback-Szenario wurde geprüft und ist nicht mehr notwendig

Abschlussprotokoll ist vollständig ausgefüllt und freigegeben

Hardware- und Lizenzdekommissionierung ist eingeleitet

 

Kosten und Nutzen: Was Legacy-Systeme wirklich kosten

Die häufigste Begründung für den Nicht-Abschalte-Beschluss ist die Migrationskosten-Angst. Eine geplante Migration kostet Geld. Was selten gerechnet wird: Was kostet der Weiterbetrieb des Legacy-Systems jedes Jahr?

Szenario

Kosten Migration

Kosten 5 Jahre Weiterbetrieb

Kosten Ungeplantem Ausfall

Entscheidung

MES-Legacy-System, 200 MA, kritische Risikoklasse

80.000–150.000 € (einmalig)

75.000–175.000 € (kumuliert)

150.000–500.000 € (Produktionsausfall, Ransomware)

Migration rechnet sich ab Jahr 2–3

QMS-Legacy-System, 50 MA, hohe Risikoklasse

30.000–70.000 € (einmalig)

40.000–80.000 € (kumuliert)

50.000–200.000 € (Audit-Befund, Datenverlust)

Migration rechnet sich ab Jahr 1–2

Proprietäre Datenerfassung, 1 Linie, mittlere Risikoklasse

15.000–40.000 € (einmalig)

15.000–35.000 € (kumuliert)

30.000–100.000 € (Linienstillstand bei Ausfall)

Break-even nach 12–18 Monaten

Hinweis: Diese Zahlen sind Orientierungswerte auf Basis typischer Projektkosten in der Fertigungsindustrie. Der tatsächliche ROI hängt von Systemkomplexität, Datenmenge und vorhandener IT-Infrastruktur ab.

 


 

Häufig gestellte Fragen zur Legacy-System-Abschaltung in der Fertigung